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Deutsche
Geschichte im Osten Europas: Rußland
Von Gerd Stricker
Veröffentlicht vom Siedler Verlag, Berlin, Deutschland, 1997,
699 Seiten, fester Einband, Deutsch
English
Die Germans from Russia Heritage Collection ist dankbar für diese
ausführliche Buchkritik, die von den graduierten Studenten Eric
J. Schmaltz und Sam Sinner von der Universität von Nebraska in Lincoln,
Nebraska, bereitgestellt wurde. Wir freuen uns, dieses beeindruckende
Buch der russlanddeutschen Gemeinde zu präsentieren.
Als eine von zehn Ausgaben in einer Serie, die das Thema "Deutsche
Geschichte im Osten Europas"(German history in East Europe) behandelt,
wird Russland deutlich als die maßgebende Studie der Geschichte
der Russlanddeutschen in den kommenden Jahren dastehen.
Der deutschsprachige Text von Gerd Strickers Ausgabe ist nicht
nur eine ausgezeichnete und umfangreiche akademische Arbeit, sondern
ist im Gegensatz zur allgemeinen modernen deutschen Wissenschaft
für Experten wie auch für allgemein Begeisterte sehr gut lesbar
und reizvoll. Strickers monumentale Ausgabe verbindet erfolgreich
die Interessen der Akademiker mit denen der allgemeinen Öffentlichkeit.
Diese beeindruckende Studie vereinigt zahlreiche russisch- und deutschsprachige
Quellen aber auch einige bemerkenswerte englischsprachige Referenzen.
Es stellt hunderte ausführlicher Fußnoten zur Verfügung, begleitet
von einer umfangreichen Bibliografie, die in ihrer Gliederung den
Hauptthemengebieten des Buches folgt. Personen- und Stadtverzeichnisse,
ganz zu schweigen von einer kurzen Konkordanz von Städtenamen, erscheinen
ebenso am Ende. Das Buch ist zum größten Teil praktisch aufgebaut,
thematisch wie auch zielgerichtet, mit zweitrangiger Bedeutung des
zeitlichen Ablaufes. Bezeichnenderweise wird jede wichtige Entwicklung
und jeder Gesichtspunkt der heldenhaften Geschichte, komplexen Kultur
und tragischen Odyssee dieser Volksgruppe von international anerkannten
Wissenschaftlern wie Gerd Stricker, Detlef Brandes, Peter Hilkes,
Peter Rosenberg und anderen behandelt. Obwohl Stricker das meiste
Material zum Buch beiträgt, kommen einige der besten Leute auf dem
Gebiet der russlanddeutschen Forschung zusammen, um ihre jeweiligen
Untersuchungsergebnisse in einem einzigen Band zu präsentieren.
Der Siedler Verlag Berlin hat ein attraktives, festeingebundenes
669-seitiges Werk veröffentlicht, welches auf archivalischem Qualitätspapier
gedruckt wurde und in hohem Maße und reichhaltig mit Schwarz-weiß-
und Farbfotografien sowie Nachdrucken, detaillierten Karten und
statistischen Tabellen illustriert ist. Dieses akademische Meisterstück
sollte den Schreibtisch oder Kaffeetisch eines jeden Russlanddeutschen
schmücken und zu lebhafter Diskussion führen, so wie es unumstritten
einen besonderen Platz als Ergänzung auf dem eigenen Bücherregal
verdient.
Während zuerst der historische Hintergrund beschrieben wird, indem
die Zeit von Russlands traditioneller Gründung von 988 nach Christus
bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges im Jahre 1914 behandelt
wird, widmen die Beitragenden dann ihre größte Aufmerksamkeit dem
18., 19. und 20. Jahrhundert.
Nachdem allgemein Russlands geographische Parameter definiert
werden und die geschichtliche Bedeutung von Russlands geographischer
Lage erklärt wird, hebt die Ausgabe die hauptsächlichen sozio-ökonomischen
Merkmale und Veränderungen der modernen Ära hervor, welche sich
entscheidend auf die Lebensart der deutschen Volksgruppe ausgewirkt
haben. Diese wichtigen Entwicklungen umfassen Massenverstädterung,
Industrialisierung, kulturelle Assimilation, wachsende Verweltlichung,
neuzeitlichen Nationsstaatenaufbau, wiederholte Versuche sozio-ökonomische
Reformen durchzusetzen, und die schmerzhaften sowie weitreichenden
sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen
der Bolschewiken Revolution von 1917.
Gerd Stricker, ein schweizerisch-deutscher Wissenschaftler, der
für seine Studien über das russlanddeutsche Protestantentum bekannt
ist, bemerkt in der Einleitung, dass eine umfassendere, russlanddeutsche
Geschichte nur im Gefolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion hervorkommt.
Da neues Archivmaterial im Osten auch Außenseitern zugänglich wird,
wird sich die russlanddeutsche Geschichte weiter ausbreiten und
diversifizieren. Viel wichtiger noch, bemerkt Stricker weiter, ist,
dass unser wachsendes Verständnis für diese Deutschen immer im Zusammenhang
einer Volksgruppe, die in einem Gastland lebt, stehen wird, das
heißt als eine anfällige und sich immer anpassende Minderheit im
russischen Emporium, der Sowjetunion und der Gemeinschaft Unabhängiger
Staaten. Und doch finden sich jetzt ethnisch deutsche Auswanderer
aus Russland als "Fremde" in einem fremden "alten Heimatland", genannt
Deutschland. Die Möglichkeiten für weitere Nachforschungen scheinen
unbegrenzt.
Die Autoren schlagen vor, dass der Begriff "Russlanddeutsche"
eine verschiedenartige und verstreute Volksgruppe umfasst, nämlich
die Baltisch-, Finnisch-, Bessarabien-, Schwarzmeer-, Ukrainen-,
Wolhynien-, Krim-, Kaukasus-, Wolga- und Sibiriendeutschen. Die
Liste läßt sich fortführen. Und tatsächlich, was ist eigentlich
"russlanddeutsch?" Diese ethnische Einordnung ist eng an das Problem
gebunden, Russlands geografische und kulturelle Grenzen, die immer
Objekt von Veränderung und Interpretation gewesen sind, zu bestimmen.
Ohne einen bestimmten Grad an linguistischen und kulturellen Gemeinsamkeiten
zu missachten, haben die soziale Verschiedenheit, historische Abweichungen,
periodische Wanderungen und räumliche Abspaltungen einen wichtigen
Einfluss auf die Entwicklung der Volksgruppe ausgeübt. Der Begriff
"Russlanddeutsche" ist mehr oder weniger eine passende Art, die
ethnisch Deutschen in dem, was einstmals das Russische und Sowjetische
Emporium war, zu benennen und zu identifizieren.
Somit tritt ein komplexeres Bild der Russlanddeutschen in "Deutsche
Geschichte im Osten Europas": Russland, in Erscheinung. Man
braucht bloß die gesellschaftliche Struktur der Russlanddeutschen
zum Beispiel im Jahre 1910 zu betrachten: städtisch und ländlich,
freibäuerlich und vornehm, ungelernte Arbeiter und Handwerker, vollkommen
russifizierte Deutsche und eine wachsende, selbstbewusste deutsche
intellektuelle Elite, wachsende Händler-und Mittelklassen, und unzuverlässige
Arbeiter und landlose Farmer. Ferner setzt sich das russlanddeutsche
Mosaik aus einer Vielzahl von starken christlichen Konfessionen
zusammen: evangelisch-lutherisch, römisch-katholischen, Mennoniten,
Reformierte, Baptisten, Hutterer, Orthodoxe und verschiedene "Freie
Kirchen." In einigen Fällen beeinflussten sich diese Glaubensrichtungen
gegenseitig, besonders in Betracht auf die Entwicklung des religiösen
Pietismus während fast des gesamten neunzehnten Jahrhunderts. Auch
kann die Existenz einer sehr kleinen deutsch-jüdischen Bevölkerung
im russischen und sowjetischen Emporium nicht verleugnet werden.
Trotz all dieser inneren Unterschiede und Gemeinsamkeiten litten
all diese deutschen Minderheitsgruppen klar an einem gemeinsamen
schwierigen Schicksal während dieses Jahrhunderts. Die Russen und
ihre slawischen Vetter hatten ihre deutschen Nachbarn fast immer
sowohl mit Furcht als auch mit Respekt betrachtet; jedenfalls seitdem
Katharina die Große und einige ihrer Nachfolger einen beträchtlichen
Teil der deutschen Bevölkerung dazu einlud, in ihr Reich als privilegierte
Kolonisten zu kommen. Eine Art Deutschphobie (anti-deutsche Gesinnung),
die für die Deutschen zum Verlust ihrer Privilegien nach den 1870er
Jahren führten, wuchs im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts aus
verschiedenen Gründen. Zwischen 1914 und 1945, den zwei schrecklichen
Weltkriegen, boten der russische Bürgerkrieg und verschiedene Abschnitte
schwerwiegender sozialer und politischer Verlagerungen russischen
und sowjetischen Machthabern die Möglichkeiten, ihre Deutschen als
"Ausländer", "Agenten und Saboteure", "Kulaken", "Staatsfeinde",
"fünfte Kolonne", "Fritzen" und "Faschisten" abzustempeln. Zum Beispiel
im Fall einer Anzahl von Ukraine-Deutschen, die sich dem Nazikampf
in den frühen 40ern anschlossen, reagierten die Russen und andere
Slawen mit einer rechtskräftigen Drohung. Es gibt andere Beispiele,
da wurde sogar die Anzahl des "Feindes" als unverhältnismäßig groß
angenommen, womit dann auch Unschuldige einbegriffen waren, die
zumindest oberflächlich loyal auf die Machthaber wirkten. Zwei sehr
gute Beispiele unnötiger und extremer anti-deutscher Maßnahmen handeln
von erzwungener Massendeportation von Wolhynien- und Wolgadeutschen
in den Jahren 1915 und 1941.
Spätestens um die Mitte der 1950er Jahre hatten vier Jahrzehnte
an Verfolgung und körperlichem Verderb den überlebenden Volksdeutschen,
die nach Mittelasien deportiert worden waren, eine relativ klare
Identität: Sowjetdeutsche, verliehen. Diese umfassendere Identität,
obwohl auf keinen Fall nicht die einzige, war teilweise durch Elend,
Tod und Chaos geformt. Der Aufruhr des zwanzigsten Jahrhunderts
hat deutlicher klargemacht, was es bedeutet, "Russlanddeutscher"
zu sein.
Kann man in den späten 1990er Jahren überhaupt noch von "Russlanddeutschen"
als eine existierende Volksgruppe sprechen? Nachdem Stalin die Wolgadeutsche
Republik (1924-1941) abgeschaft hatte, erholten sich die Sowjetdeutschen
als Volk nie ganz. Sie lebten darauf als eine verstreute, außer-territoriale
Sowjet-Nationalität, deren Anzahl bereits durch Krieg, Hungersnot
und Deportation dezimiert war, und deren kulturelle Einrichtungen
beinahe gar nicht existierten. Die Amnestie- und Rehabilitationserlässe
von 1955 und 1964 des Sowjetregimes scheiterten, den früheren offiziellen
Status der Deutschen als halbautonome Nationalitätengruppe wiederherzustellen.
Beinahe 1,5 Millionen von den mehr als 2 Millionen Sowjetdeutschen,
die in der 1989er sowjetischen Volkszählung verzeichnet waren, sind
seither in ihr neues "Heimatland", Deutschland, ausgewandert. Viel
wichtiger noch, die "Russifizierung" wird fast uneingeschränkt mit
denen fortgeführt, die sich dafür entschieden haben, zu bleiben.
Die ewigen Probleme und Wahlmöglichkeiten (oder manchmal das Fehlen
davon) ethnischer Assimilation, sozialer Integration, Gruppenverfolgung,
ethnischer Separatismus und Massenwanderung bleiben die gleichen.
Die Kapitel, die die russisch-deutsche Massenwanderung und nationale
Autonomiebewegungen nach 1980 behandeln, zeigen, dass alte Probleme
diese bekämpfte aber ausdauernde Minderheitsgruppen immer noch beherrschen,
oder genauer gesagt, die Überreste von dem, was ein besonderes ethnisches
Erbe war. Geschichtliche Erinnerung wirft ihren langen Schatten
auf die Gegenwart, vielleicht nirgendwo mehr als in der ehemaligen
Sowjetunion. Und doch scheint die Zukunft der Russlanddeutschen
als Volksgruppe bereits unsicherer zu sein als zuvor.
Besonders nennenswert sind auch jene Themen, die viele russlanddeutsche
Gelehrte aus einer Vielzahl von Gründen meistens ignoriert haben.
Margarete Busch, Peter Rosenberg und Gerd Stricker, zum Beispiel,
leisten wertvolle Beiträge zur russlanddeutschen Musik, den Bildenden
Künsten, zur Literatur, Presse und dem Bildungssystem. Sie verbinden
in einem Band Informationen, die bisher nur in unzähligen und schwer
verständlichen Veröffentlichungen erhältlich waren.
Tatsächlich, diese umfassende Arbeit wird von unermesslichem Wert
für professionelle wie auch für laienhafte Leser sein. Es ist für
jeden etwas dabei. Strickers hervorragende Ausgabe ist das Buch,
dass eines Tages übersetzt und einer englischsprechenden Leserschaft
zugänglich gemacht werden sollte.
Buchkritik von Eric J. Schmaltz, Institut für Geschichte,
Universität Nebraska-Lincoln, und von Samuel D. Sinner, Germanistisches
Institut, Universität Nebraska-Lincoln, in Licoln, Nebraska.
Die dramatische Geschichte der Deutschen in Rußland
Schwarzwälder Bote, 6 Juli 1998
Hamburg. Die deutschen Einwanderer in Russland nannten ihre Dörfer
Hoffnungstal, Gnadental, Friedenstal, Glückstal und ähnlich. Aus
diesen Namen sprechen die Erwartungen, mit denen die Kolonisten
in ihre neue Heimat kamen. Allein den Namen Hoffnungstal trugen
rund zehn ihrer Dörfer. Manche der Hoffnungen erfüllten sich; es
gab zum Teil eine florierende Landwirtschaft und reges kulturelles
Leben.
Aus heutiger Sicht ist die Auswanderergeschichte vor allem geprägt
von dramatischen Ereignissen. Sie bildet den Schwerpunkt des in
der Reihe "Deutsche Geschichte im Osten Europas" erschienenen neuen
Bands "Russland". Die ersten Einwanderer, etwa 25.000 Menschen aus
dem rheinhessisch-pfälzischen Raum, folgten einem "Einladungs"-Dekret
von Katharina II., der deutschen Prinzessin auf dem Zarenthron,
aus dem Jahr 1763. Vier Jahrzehnte später sprach ihr Enkel Alexander
I. eine weitere Einladung aus, der vor allem Schwaben folgten.
Die Siedler sollten die fast menschenleeren Räume an der Wolga,
am Schwarzen Meer und im Kaukasus besiedeln und so die offene Südflanke
des Reichs sichern. Ferner sollten sie mit ihrem Fleiß und ihrer
fortgeschrittenen Technik den russischen Bauern Lehrmeister sein.
Nach weiteren Einwanderungswellen befanden sich schließlich bei
der ersten Volkszählung im Jahre 1897 in Russland 1,8 Millionen
Menschen, die Deutsch als Muttersprache angaben.
Der von dem Historiker Gerd Stricker, einem Osteuropaspezialisten,
herausgegebene, reich illustrierte und lebendig geschriebene Band
gilt außer den Kolonisten auch der früheren Geschichte der Deutschen
in den Städten Russlands.
Sie spielten dort vor allem in Verwaltung, Wissenschaft, Kunst,
Technik und Wirtschaft eine wichtige Rolle. Eigene Kapitel fachlich
kompetenter Autoren sind ferner dem regen Kirchenleben und Bildungswesen,
der Kultur, dem Volkstum und den knapp zehn Prozent Mennoniten unter
den Kolonisten gewidmet. Sie waren im Vergleich zu den Lutheranern
(75 Prozent) und Katholiken (15 Prozent) in der Landwirtschaft besonders
erfolgreich und gaben ihr entscheidende Impulse.
Die schwerste Zeit für die Deutschen begann nach der bolschewistischen
Oktoberrevolution 1917. Mindestens 48.000 Wolgadeutsche fielen der
Hungerkatastrophe 1921-22 in der Sowjetunion zum Opfer. Auch die
Unterdrückung des religiösen Lebens traf die Siedler sehr. Die Ende
1929 einsetzende Zwangskollektivierung war für die an privaten Landbesitz
gewohnten deutschstämmigen Bauern im Schwarzmeergebiet, im Nordkaukasus
und in Sibirien besonders hart. Der schlimmste historische Einschnitt
kam 1941 nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion: Die
Deportation aus Süd-Russland nach Sibirien und Mittelasien und dann
jahrzehntelange Diskriminierung als Bürger zweiter Klasse.
Erst in den Straflagern und in den Sondersiedlungen entwickelten
die verschiedenen Siedlungsgruppen eine gemeinsame Identität als
"Russlanddeutsche". Dieser Terminus ist allerdings heute auch deswegen
problematisch, weil inzwischen 60 Prozent in Mischehen leben. Die
lange Diskriminierung hat bei vielen zur Assimilation geführt. Unter
den mehr als einer Million Aussiedlern seit 1987 beherrschen viele
die deutsche Sprache nicht, fühlen sich aber doch als Deutsche.
Für die im Osten Verbliebenen kann die Frage noch nicht endgültig
beantwortet werden, ob, wie Gerd Stricker schreibt, ihre Zukunft
in der totalen Assimilierung liegt oder ob es trotz Assimilierung
auch künftig eine "deutsche Geschichte" in Russland geben wird.
Deutsche Geschichte in Osten Europas: Rußland
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