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Zittern und Singen, wo Blut die Stufen geweiht hat

Everything Trembles and Sings Near Blood-consecrated Steps

By Ron Vossler

Vossler, Ron. "Zittern und Singen, wo Blut die Stufen geweiht hat."


(Gedanken zu einem Foto, das in der Nähe des Heimatdorfes meines Großvaters in Großliebenthal, Ukraine, auf den Stufen an der Rückseite der alten lutherischen Kirche aufgenommen wurde, die heute ein russisch-orthodoxes Gotteshaus mit einem neuen Zwiebelturm auf dem Dach ist. Das Hauptportal ist mit Ziegelsteinen zugemauert worden, und ein neuer Eingang wurde an der Rückseite angefügt, wahrscheinlich wegen des Massakers, das auf den vorderen Stufen stattfand.)

Gerahmt von weit geöffneten
Türen am Hintereingang
der Kirche stehen wir, Touristen,
die sich fächerförmig für die daheim
zum Gruppenbild formieren.

Hinter mir mit seinen Ikonen
das Kircheninnere - Weihrauch
verströmend fühlt es sich kalt an
wie eine steinerne Tafel.

Hier drinnen ist unsere Geschichte,
und jenseits des Dunkels
der Vordereingang
mit Ziegelsteinen vermauert.

Auf jenen Stufen, die niemand
betritt, schmierte Lenin
den blutigen Abdruck seiner Stiefel im Frühjahr
1919:

Wo Krassny und seine
Genossen sechzig
Großliebenthaler in die
Ewigkeit sprengten, weil sie kämpften,
um ihr eigenes Korn zu behalten.

Terror gab es auch andernorts: geringer,
in Karlsruhe; Rastatt; und
im Kirchhof von Selz,
wo Frauen und Kinder
Zeugen der dunklen sowjetischen Ernte
von 107 Seelen waren.

Ich habe zu viele
von diesen Geschichten gehört, so daß
manchmal Unschuldige mit Genickschuß
in meinen Träumen schweben, wie in einer
griechischen Unterwelt.

Und ich, ein ethnischer Ödipus,
auf den Stufen
des Hintereingangs der Kirche, auf der Suche
nach einer Vergangenheit, nach meinem Vater, einer
Geschichte.

So bete ich ein altes Sprichwort
in die Kameras, die auf mich zielen:
Bleib im Vergangnen, du verlierst ein Auge,
laß das Vergangene bleiben, und du verlierst sie beide.

Da ist ein schwirrender Taumel in
Orten, die zu viel sahen -
etwas, was kein Bild jemals zeigt.

Da ist ein Zittern in der Luft.
Akazien lodern in der falschen
Jahreszeit.

Da ist auch ein Singen - ich höre
die Stimmen auf meinem Weg zum
Bus.

Ich muß nicht zurückblicken
um zu wissen: Unsere Leute sind es
auf den vorderen Stufen, ihre Kehlen
schwellen an mit Gesängen der Auferstehung.

Übersetzung: Alice Morgenstern, Munich, Germany

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