| EIN STÜCK EUROPA IN DAKOTA
W.S Harwood
Am 11 Juli 1896 in der Zeitschrift
Übersetzung: Alice Morgenstern, München, Deutschland Harper’s
Weekly erschienen
Ganz draußen, unweit der Grenze zwischen den beiden Dakotas,
wohl dreißig Meilen vom Missouri River und siebzig von Fort
Yates entfernt, auf einer Strecke wellenförmiger “Prairie,”
hat sich eine Kolonie Bauersleute angesiedelt, in mache Hinsicht
wohl die eigernartigste, die in diesem Land zu fiden wist. Die Leute
wohnen abgesondert: den einzigen Kontakt mit der Außenwelt
bietet die kleine Stadt Eureka, ein Marktfleck. Hier wurde ein Stück
Europa in die Neue Welt verptlanzt und nur ganz langsam fängt
man an, sich der neuen Zivilisation anzupassen.
Ein kleiner Rückblick in die Geschichte könnte von Interesse
sein.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden tüchtige deutsche Bauern
durch die russische Regierung aufgefordert, sich in der fruchtbaren
Gegend nahe der heutigen Stadt Odessa niederzulassen, Bauernhöfe
zu gründen und die umherschweifenden nomadischen Stämme
durch ihr gutes Anwesen bekommen und sich der unbedingten Freiheit
erfeuen. Die Kolonisten sollten weder militärpflichtig warden
noch ihr Deutschtum einbüßen. Ferner versprach man ihnen
absolute Religionsfreiheit. Die Leute siedelten sich in Dörfern
an, bestellten untertags ihre Felder und kehrten abends in ihre
Häuser zurück.
Die Jahre vergingen; als neue Herrscher auf Thron kamen, schien
die russisch Regierung die alten Versprechen nach und nach zu vergessen.
Die ursprünglichen Rechte der Bauern schwanden immer mehr.
Was Gerichtsverfahren, Sprache und Religion anlangte, so schien
Russisch gegen Deutsch immer mehr das Übergewicht zu gewinnen.
Kurs gesagt, nach den vielen Jahren wurde der Entschluß gefabt,
sich in Amerika eine neue Heimat zu verschaffen. Boten wurden ausgesandt
und überprüften die weiten Flächen von Dakota. Um
das Jahr 1870 kam schon eine groß Anzahl dieser deutschrussischen
Emigranten an, und ließen sich in der Nähe von Yankton
niedes. Zehn Jahre spatter erschien nochmals ein Agent auf dieser
westlichen Ebene. Er hatte den Auftrag, eine neue Heimstätte
für eine weitere Anzahl dieser Bauern auszusuchen, denn die
Leute waren nicht mehr bereit, die stets stegenden Anmaßungen
der Russen hinzunehmen. Die neue Heimat sollte auf dem selben Breitengrad
liegen wie die alte in Rußland. Auf der weiten “Prairie”,
wo sich Eureka befindet, nur elf Meilen weiter nördlich als
Odessa, wollte man die neue Heimat gründen. Der Boden glich
dem der russischen Heimat, das Klima was ähblich; aber diese
Neue Land bot absolute, nicht bedingte, Freiheit.
Kaum was die Nachricht in Rußland eingetroffen, da fing auch
schon die Hedschra aus Odessa an. Im Jahre 1887-88 kamen über
neuntausend Leute in Dakota an; 1889-90 waren es dreitausend; 1891-2
viereinhalbtausend. Sie ließen sich in der Umgebung von Eureka
nieder und begannen sofort mit dem Weizenanbau. Sie verließen
sich nach wie vor auf die alten Bräuche und sorgfältigen
Methoden, die ihre Vorfahren ursprünglich aus Deutschland mitgebracht
hatten. Die Mehrzahl der Neuankömmlinge siedelte sich in den
Bezirken (“counties”) Compbell und McPherson an.
Manche Familien waren arm; andere kamen aus Verhältnissen;
einige waren sogar reich – sofern man von Reichtum sprechen
kann, wenn von Menschen die Rede ist, die sich den Lebensunterhalt
durch Ackerbau verdienen. Sie waren aber durchause fleißig
und hatten die Sparsamkeit ihrer Vorfhren mitererbt. Amerikanische
Bräuche und Sitten nahmen sie nicht an – wahrscheinlich
fehlte ihnen die Gelegenheit sowie die Lust dazu. Sie lebten ganz
abgeschlossen und blieben im Grunde genommen genau so deutsch, wie
sie es durch all die Jahre gewesen waren, in denen sie ihren Weizen
in Rußland anbauten. Obwohl sich die Männer moistens
bereit zeigten, amerikanische Bür gerpflichten zu übernehmen,
blieben sie in ihrem inneren Wesen doch Fremdlinge.
Neulich besucht ich diese eigentümliche Stadt, Eureka. Allmählich
treten Veränderungen ein, aber nur sehr langsam. Und es sieht
so aus ob as hier erst in der übernächsten Generation
“richtige” Amerikanergeben wird.
Die Häuser dieser Kolnisten sind breit gebaut mit niedrigen
Dächern: es sind wahrhaftige Lehmhütten. Doch soll man
sie nicht mit den Rasenhütten der “Boomers” vergleishen,
denn diese Fremdlinge bauen für die Dauer. Sie konstruieren
ihre Häuser zwar auf eine merkwürdige Art, aber doch so,
daß sie wohl noch ein halbes Jahrhundert bestehen warden –
lange genug, wenigstens, bisdurch ansteigenden Wohlstand und amerikanischen
Einfluß – Häuser aus Holz oder Stein verlangt warden.
Hat der Bauer den Platz Für sein Haus bestimmt, so pflügt
er schwere Rasenschicht in der Vertiefung am Fuß der niedrigen
“Cotteau Hills” und die langen Streifen an sein Haus
heran. Er bedeckt das Haus mit diesen Streifen. Schon tagelang vorher
fertigt er Backsteine an, aus Lehm und Stroh, riesige Blacksteine,
in einer Größe von ungefähr zwölf mal achtzehn
Zoll (“inches”). Sie untere Erdschicht gibt Lehm su
Backsteinen die jahrelang halten. Man läßt die Backsteine
in der Sonne trocknen und baut dann die Wände damit auf. Die
Ecken warden richting verfuget. Die Lücken zwischen den Backsteinen
stopft man mit weicher Tonerde aus, um die Mauern, die eine Breite
von zwei Fuß haben, auch möglichst dicht zu machen. Die
Häuser wirken fowblich, von ferne gesehen, weich dunkelgrau.
Manche, wenn sie von außen verputzt, sind, haben eine hellere
Farbe. Die Wände erreichen eine Höhe von ungefähr
sieben Fuß. Ungehobelte Bretter reichen von den Wänden
bis zu einem zentralen Firstbalken und dienen der Rasendecke als
Unterlage. Die Rasenstreifen, auf dened das Fras noch wächst,
warden aufgelegt, und zwischen die Streifen soopft man eine mischung
nvon Lehm und Kies, eine Art Gips, die das Dash dicht macht gegen
Regen und Kälte.
Innen sind die Häuser weniger dunkel als man wohl meinen könnte.
Sie haben meist zwei Räume, obwohl es Häuser gibt mit
vier bis fünf Zimmern. In der Mitte des Hauses befindet sich
ein breiter Flur, und von hier aus führen Türen in die
anderen Räume. Oft stehen zwei Öfen auf diesem flur. Man
konstruiert sie aus Lehm und aus Granitsteinen, die auf der “Prairie”
überall zu finden sind. Diese Öfen haben eine Größe
von einigen Quadratfuß. Der Herd ist breit, die Platte ungeschliffen.
Ein mächtiger Kamin reicht bis an die Decke. Heu und Stroh
warden in den Ofen hineiingestopft. Es brennt mit lodernder Flamme
und gibt eine enorme Hitze ab. Sobald sich der Rauch durch den Schornstein
entfernt hat, macht maan den Schieber zu. Lehm und Stein erhalten
die Hitze stundenland. Wenn man morgens und abends anfeuert, genügt
das für den ganzen Tag. Fenster sorgen für Luft und Licht,
aber bei kaltem Wetter warden die Häuser gewöhnlich viel
zu warm gehalten. Der allzu große Unterschied zwischen der
Winterkälte draußen und der Hitze innerhalv der Häuser
sol schild tragen für die Augenkrankheiten, an denen viele
der Kolonisten in Dakota leiden. So ein Haus schützt nicht
nur gegen Kälte, es ist auch feuerfest. Das wildeste Prariefeuer
kann darauf und darüber brausen, ohne es zu beschädigen;
und es müßte ein besonders arger Wilbelsturm sein, der
es fertigbrächte, an den dicken Mauern zu rütteln.
Innen warden die Wände mit Lehm verputzt. Dann warden sie
gestrichen, die Decken meist auffallend blau. Wände warden
weiß getüncht und oftmals hinterher verziert. In der
Verzierung die Leute höchst erfinderisch. Es warden z.B. Maiskolben
in Farbe getunkt und an der Wand auf- und abergerollt, sie hintu-lassen
breite Streifen in einer seltsamen aber nicht unattraktiverz Punktierung.
Oft sind die Wände auch getäfelt, bis zueiner Höhe
von drei bis vier Fuß
Der Fußboden in den einfacheren Häusern ist aus Lehm,
der fast so hart wird wie Stein und leicht zu fegen ist. Die besseren
Häuser haben Holzböden. Die gleidu Mühe wird. In
manchen der hiesegen Haüser macht sich in der Einrichtung sogar
ein gewißer Grad Luxus bemerkbar.
Das Familienleben der Leute scheint besonders glücklich zu
sein. Fast alle gehen refelmäßig in die Kirche. Sie gehören
meist der evangelischen oder der presbyterianischen Gemeinde an.
Die einfachen haben Tischsitter aus der alten Welt sie beibehalten,
obwohl der Tisch jetzt richlicher mit Leckerbissen versehen ist
als das damals in Rußland der Fall war. An Lebensmitteln wird
außer Zucker, Tee und Mehl fast gar nichts eingekauft. In
den großen Öfen, die sich besonders dazu eigen, warden
die feined großen Laibe Brot von den Frauen selbst gebacken.
Naschspeisen gibt es bei diesen Familien nicht. Gemüse erzeugen
sie selber, oder sie kommen ohne aus. Fleisch findet den Weg in
die Vorratskammer nur dann, wenn sie das Vieh selber züchten.
Und doch habe ich wohl nie gesündere Männer, Frauen und
Kinder gesehen als die, denen ich am Markttag auf den Straßen
Eurekas begegne. Ihre Speisekarten mögen mager sein, ihre Muskeln
sin des nicht.
Die Leute warden als besonders ehrlich angesehen. Sie führen
hier dasselbe einfache gemeinschaftliche Leben wie einst auf der
Ebene bei Odessa und sie sind dadurch schlecht vorbereitet auf die
Methoden der Zinswucherer und Hypothekenschwindler.
Die Männer halten sich nicht lange an ihre altmodische Tracht
– die Mützen mit spitzem Schirm, die hohen Stiefel und
Lederhjaken, denn diese sind hiezulande nicht leicht zu ersetzen.
Bald schaffen sie sich neue amerikansiche Kleidungsstücke an.
Den Frauen dagegen fällt es weniger leicht sich anzupassen.
Sie klammern sich fest an ihre kurzen bunten Röcke, ihre weißen
Schürzen und ihre Kopftücher. Das gefaltete Kopftuch wird
als letztes unter demEinfluß Amerikas aufgegeben. In welch
farbenfreudiger Pracht erscheinen die Frauen am Markttag! Welch
bunten Putz sah ich dort! Von den Kopftüchern – in vielfarbigen
Mustern mit Seide bestickt, angetangen; bis zu den schwarwen, rotten
oder gelben Miedern; den abstehenden, rotten, purpurfarbenen oder
grünen Röcken, bis zu den Füßen in ihden festen
Schuhen und bis zi den felben oder rosa Schürzen.
Die Frauen sind klein von Statur: sie scheinen eher in die Breite
als in die Länge zu wachsen. Die Münner sind von starkem
Körperbau, mittel groß und ansdei-nend besitzen viel
Ausdauer. Alle haben den etwas gelbichen teint, der so häufig
Emigraten aus dem reiche des Txars zu erkennen ist.
Diese Bauern sind nicht nur deshalb hervorzuheben weil sie ein
Stück Europa in die Neue Welt versetzt und ihre Sprache und
Bräuche unverändert beibehalten haben sie sind auch deshalb
erwähnenswert weil sie mehr Getreide auf den Markt nach Eureka
schleppen, als sonst an ir gendeinen Markt in der ganzen Welt geliefert
wird. Drei Millionen Scheffel (“bushels”) Weizen lieferten
die Bauern im vergangenen Jahr zwischen Herbst und Mitte Februar
in Eureka ab. Im Jahre 1888 wurden an die 900 tausend Scheffel verkauft.
Vier Jahre spatter war die Summe auf zwei Millionen Scheffel gewachsen,
und heuer, so enorm ist die Ernte, steigert sich die Lieferung um
eine weitere Million Scheffel. Die Wagen dieser Bauern, die ihre
Kenntnisse mitbrachten aus der Alten Welt, laden Jahr um Jahr in
Eureka mehr Getreide aus als sonset irdendwo in der Welt geliefert
wird.
Zwischen zwanzig – und fünfzig Tausend Scheffel Getrede
warden täglich verkauft. Ein großer Teil davon wird über
lange Strecken transportiert – bis zu 60 oder 70 Meilen weit.
Manche Bauern spannen immer noch Ochsen ein und schleppen ihren
Weizen langsam und mit Mühe etappenweise ans Ziel. Der Weizen
wird so rasch wie möglich weiter verfrachtet. Einunddreißig
verschiedene Firmen schicken Vertreter zum Einkauf, und es gibt
in Eureka nahezu vierzig kleine Kornspeicher und Warenlager, die
zusammen eine Kapazität von fast 300 Tausen Scheffel haben.
Das Getreide kommt so rasch an, daß die Eisenbahnwagen schwerbeladen
abfahren. Vor einigen Jahren gab es schlechte Ernten, so daß
auch andere Produkte ereugt wurden, und einige der fortschrittlicheren
Bauern baben sich jetztmehr auf Vieh- und Milchproduktion verlegl.
Wenn man aus der Ferne Häuser erblickt, die besonders lang
erscheinen, so ist das, weil Stall und Molkerei unter demselben
Dache stehen – einem Dach, das gerade zu diesem Zwecke verlängert
wurde.
Sie boten wahrhathig eim kaleidosvuop von Farbeu, weum sie dorf
anf dem Marthplog oder in die kleineu Läden giugea und watteteu,
bis die Pterde und Ochseu getresseu betteu und man die lange nächtliche
tleimreise über die Prärie antrah.
Obwohl Eureka Endstation der Eisenbahn ist und an der äußersten
“Genze” liegt, Wirts-häuser und obwohl acht bis
zehn Wirtshäuser fast dauernd in Betrieb zu sein scheinen trotederiatsache,
“daß South Dakota als ‘trocken’ gilt”,
Wirken die Menschen, die hier zusammenkommen, um ihren Weizen in
die Handelsströme der Welt zu schicken, außerordentlich
nüchtern und friedlich. Doch befinden sich wenige unter ihnen,
die nicht Zigaretten rauchen. Pfeifen dagegen warden selten gesehen.
Wenn man dieseBauersleute ungestört so weitermachen läßt,
wird es vielleicht danem noch lange danem, ehe sie ihre malerische
Absonderlichkeit endgültig verlieren. Und obwohl echt bis zehn
Wirtshäuser tast dauernd geöttzcet di sein schein
-trotz der Tatseche, daß S. Dakota als, “trocken”
giet, Wisken die Menschen
(Von Hildegard Blackwell und Ingeborg W. Smith übersetzt)
(Corinne D. Becker Korrektorin)
Germans from Russia Heritage Collection
North Dakota Institute for Regional Studies
North Dakota State University Libraries
P.O. Box 5599
Fagro, ND 58105-5599
Tel: 701-237-8416
Fax: 701-237-7138
1993
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with hand-colored photographs of Germans from Russia who emigrated
to Eureka, South Dakota, and other locations in the Dakotas.
The Germans from Russia Heritage Collection, North Dakota State
University Libraries, makes this unique photograph available in
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