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Die Sehnsucht, ein Richtiger Deutscher zu Sein

Die Familie Zilin, die aus Kasachstan nach Regensburg kam, träumt von Arbeit, Auto und einer schönen Wohnung

Thym, Von Rolf. "Die Sehnsucht, ein Richtiger Deutscher zu Sein." Süddeutsche Zeitung, 23-24 January 1999, 18.


Zahl der Aussiedler nimmt ab, Roth
Die Zahl der Aussiedler, die dem Freistaat im vergangenen Jahr zugewiesen wurden, ist 1998 erheblich gesunken. 1997 kamen laut Sozialministerium 19,813 Aussiedler nach Bayern, 1998 waren es hingegen 14,973 - rund 14,000 von ihnen lebten in der ehemaligen Sowjetunion. Bundesweit wurden im vergangenen Jahr rund 103,000 Aussiedler aufgenommen. Der "sinkende Trend", der sich seit acht Jahren abzeichne, werde sich künftig "auf diesem Niveau stabilisieren". In den Staaten Osteuropas leben derzeit noch rund zwei Millionen Deutschstämmige. Für die "Rußlanddeutschen" unterstellt das Bundesvertriebenengesetz ein "kollektives Vertreibungsschicksal", zumal da in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion Nationalismus und religiöser Fanatismus der Einheimischen es den dort lebenden Deutschstämmigen schwer machten, ihre Identität zu bewahren. Für die Unterbringung der Aussiedler in 235 Übergangswohnheimen gab Bayern im vergangenen Jahr Millionen Mark aus. Probleme sieht das Ministerium bei der Vermittlung von Aussiedlern in Arbeitsstellen: Infolge mangelnder Deutschkenntnisse und Berufsqualifikationen sei die Vermittlungsquote nur gering. Verglichen mit der Zahl aller Arbeitslosen in Bayern falle der Anteil von beschäftigungslosen Aussiedlern jedoch nicht besonders hoch aus: In Nürnberg stellen Aussiedler lediglich 2,6 Prozent an der Gesamtzahl der registrierten Arbeitssuchenden.

Regensburg - Generationen von Spätaussiedlern haben seit 1967 an der Plattlinger Straße in Regensburg ihre erste Bleibe in Deutschland gefunden: In den fünf etwas heruntergekommenen Häusern mit den 35 Wohnungen ist eines der ältesten Übergangswohnheime Bayerns untergebracht. Dort ist auch die Familie Zilin eingezogen: Großmutter Rosa, Sohn Sergej, Schwiegertochter Nadeshda und die Söhne Ivan, Mihail und Ilja. Am 10. Dezember haben sie sich in Kasachstan, in Pawlodar, mit ein paar Koffern voll mit Kleidung, Porzellan, Dokumenten und wenigen Wertsachen auf die große Reise gemacht - mit Bus und Flugzeug ins Gelobte Land, nach Deutschland.

Großmutter Rosa, Jahrgang 1934, geborene Vogel, ist Wolgadeutsche, wurde als Kind 1941 von der Krim nach Kasachstan zwangsumgesiedelt und hielt es auf ihre alten Tage nicht mehr aus in Pawlodar. Da gebe es kaum Arbeit und wenn, dann bleibe ewig lange der Lohn aus, erzählt sie. Schlimm stehe es mit dem Einkauf von Lebensmitteln: Obst und Gemüse seien Mangelware und kaum bezahlbar. Auf den Tisch seien nur Reis, Nudeln und Brot gekommen, sehr selten Fleisch. Man habe froh sein müssen, wenn die Heizung funktionierte. "Ein ganz armes Leben", sagt die Großmutter in ihrem auf Anhieb nur schwer zu verstehenden Dialekt der Wolgadeutschen.

Immerhin gibt es Geld
Ob nun, in Regensburg, im Übergangswohnheim, alles besser ist? "Gut, gut", versucht die Großmutter sich überschwenglich zu geben, sie will ja nicht undankbar sein. Aber wenn man sich so umsieht in der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung mit der ramponierten Möblierung und den kahlen Wänden, kommt einem der Gedanke, daß sich die Zilins das blühende Deutschland anders vorgestellt haben. Immerhin bekommen sie Geld: 1374 Mark Sozialhilfe die Eltern und die drei Kinder, 440 Mark die Großmutter Rosa. Es gibt ordentlich zu essen, die Kleidung ist gepflegt und die Heizung funktioniert. Außerdem haben die Zilins ja ohnehin nur ein Ziel: Bald richtige Deutsche sein zu können, mit Arbeit, einer schönen Wohnung und einem Auto. Wenn es da nur die vielen Probleme nicht gäbe.

Die größte Schwierigkeit bereitet die deutsche Sprache: Großmutter Rosa beherrscht sie noch am besten, aber wenn es kompliziert wird, nimmt sie doch lieber die Übersetzungsdienste von Tante Anna in Anspruch, die ebenfalls ausgesiedelt ist und seit Jahren in Regensburg lebt. Ihr Sohn Sergej, erzählt die Großmutter auf Russisch, und Anna übersetzt, Sergej also habe in Kasachstan den von den deutschen Behörden verlangten Deutschtest bestanden. Bei unserem Besuch aber spricht er überhaupt wenig und wenn, dann lieber Russisch. Mit 16 Jahren habe sich Sergej entscheiden müssen, ob "Russe" oder "Deutscher in seinem Paß stehen soll. Er hat sich für die russische Staatsangehörigkeit entschieden, durfte aber trotzdem nach Deutschland, weil seine Mutter Deutsche ist und er ja den Sprachtest bestanden hat.

Sergejs Frau Nadeshda hat jedoch mit Tücken zu kämpfen: In ihrem russischem Paß stehe zwar, daß sie Deutsche sei, berichtet die Großmutter, doch leider habe sie den deutschen Sprachtest nicht bestanden, Deswegen werde sie von den Behörden "als Ausländerin" behandelt, was einen bitteren Nachteil habe: Das Arbeitsamt verweigere ihr die Bezahlung des dringend nötigen Sprachkurses. Den darf hingegen ihr Mann Sergej als anerkannter Deutschstämmiger besuchen.

Tante Anna übersetzt
Nun hofft Nadeshda Zilin auf die Hilfe der Kirchengemeinde. Ihre liebe Not mit der ungewohnten Sprache haben auch die drei 15, 14 und zehn Jahre alten Söhne, die in eine Eingliederungsklasse gehen, deren Lehrer nur deutsch sprechen. Vom Unterricht bekommen sie kaum ein Wort mit. Aber das werde sich schon noch ändern, hofft die Großmutter, wo Kinder doch schnell lernen. Wenigstens mit den vielen Behördengängen kommt die Familie halbwegs zurecht: Tante Anna hilft als Übersetzerin.

Für Heribert Friedrich, den Hausmeister im Übergangswohnheim an der Plattlinger Straße, ist es nichts Neues, daß die Deutschkenntnisse der meisten Aussiedler "schon noch Mängel" haben. Dann gebe es da aber auch noch "Alkoholprobleme und Vandalismus, vor allem durch die Jugendlichen". Die Langeweile, die lähmend über den fünf Übergangs- Wohnhäusern liegt, können sich die Jungen, wenn sie wollen, wenigstens in einem nahen Jugendtreff vertreiben oder bei einem Berufsfortbildungszentrum, das "berufsbezogene Jugendhilfe" anbietet. Um die Eltern und die Großeltern kümmert sich der "Verein der Rußlanddeutschen" mit Beratung und Hilfe bei Behördengängen - und er vermittelt ein klein wenig Nestwärme.

Erfahrungsgemäß bleiben die Aussiedler zwischen sechs Monaten und einem Jahr in den Übergangswohnungen, bis sie entweder mit Hilfe des Sozialamtes oder aus eigener finanzieller Kraft eine neue Wohnung gefunden haben. Wählerisch könnten die Neubürger bei der Jobsuche nicht sein, berichtet Julius Schmatz von der Regierung der Oberpfalz: "Anfangs nehmen sie fast jede Arbeit an, die sie bekommen." Nicht selten lege eine große Familie, sobald sie sprachlich und finanziell Fuß gefaßt habe, ihr ganzes Geld zusammen, kaufe ein Grundstück und baue ein Haus. "Das sind ja fast alles Handwerker, die wissen sich zu helfen", meint Schmatz. Manchmal komme Neid bei den alteingesessenen Deutschen auf: "Der ist aber völlig unberechtigt. Das sind fleißige Leute." So wollen auch die Zilins sein: Sergej wünscht sich, damit es schnell mit einer eigenen Wohnung klappt, einen Job als Mechaniker oder Lastwagenfahrer. Nadeshda ist Näherin, sie würde notfalls aber auch als Putzfrau arbeiten. Was sich die beiden sonst von der Zukunft erhoffen? Stumm und ratlos zucken sie mit den Schultern.

Reprinted with permission of Süddeutsche Zeitung, Stuttgart, Germany.

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