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Mit der Heimat im Herzen
Zum 60. Jahrestag der Vertreibung der Wolgadeutschen
With Your Home in Your Heart
On the 60th Anniversary of the Banishment of the Volga Germans
By Helmut Lobes
Volk auf dem Weg, Landsmannschaft der Deutschen aus Russland,
Stuttgart, Germany, December, 2001, pages 16-17
(Nachstehender Beitrag traf bei uns ein wenig zu spät für
eine Veröffentlichung in der Augustausgabe ein. Um ihm in seiner
Gesamtheit nicht zu schaden, bringen wir ihn dennoch unverändert.)
"Wenn zu den Vätern
_____ich versammelt werde,
Mein letzter Mahnruf sei's
_____vor Grabesnacht:
___Bleib treu, mein Wolgavolk,
_____der Heimaterde."
_____________Peter Sinner
Es neigt sich wieder mal ein Sommer seinem Ende zu. Der 60. seit
damals
Seit sechs Jahrzehnten ist für die Wolgadeutschen
Sommeranfang und sein Ende durch zwei entgegengesetzte Ereignisse
gekennzeichnet. Das eine, schöpferische, dem Leben gewidmete
Ereignis jährt sich heuer zum 237. Mal. Im Interesse Russlands
und von dessen Regierung herbeigerufen, fand dieses Ereignis am
weiten Wolgaufer mit der Gründung der ersten deutschen Kolonistensiedlung
am 29. Juni 1764 seinen schöpferischen Anfang und bezeichnete
damit den Beginn eines neuen Volksstammes - des Stammes der Wolgadeutschen.
Das andere, zerstörende, verderbliche, ebenso vom russischen
Staat herbeigeführte Ereignis jährte sich wenige Tage
zurück, nämlich am 28. August, zum 60. Mal als Tag der
Vertreibung der Wolgadeutschen aus ihrer Heimat und soll mit sich
den Anfang vom gewaltsamen Ende dieser einmaligen Geschichte der
Wolgadeutschen bedeuten. Das allerdings nicht im Interesse Russlands.
Zwischen diesen zwei Schicksalstragen - den Daten liegt ein Zeitabschnitt
von 177 Jahren, in dem sieben Generationen unserer mutigen Ahnen
auf dem mit ihrem Blut and Schweiß reichlich begossenen jungfräulich
Boden "gelebt, gekämpft und geblutet haben". Was
sie in diesen knapp zwei Jahrhunderten im Segen für ihre neue
Heimat, für Russland geopfert und geleistet haben, wie treu
und pflichtbewusst, stets mit reinem Gewissen sie ihr bürgerliches
Verhalten zu ihrem Staat und zu ihrem russischen Heimatland
pflegten, ist heutzutage in vielen Publikationen, darunter auch
in soliden Forschungsarbeiten zu lesen.
"Ihr deutsches Blut, ihre deutsche Kraft, ihr deutscher Glaube",
schrieb der russische Historiker P.W. Kaminski, "gehören
voll und ungeteilt dem Land, das ihnen einst nicht als Gästen,
sondern als gleichberechtigten Bürgern Russlands seine Tore
öffnete."
Die heikle Frage aber, wie der Staat sich seinerseits gegenüber
seinen treuen wolgadeutschen Bürgern verhielte, bekam zuletzt
ihre Antwort eben am 28. August 1941. Sie war erschütternd,
diese Antwort. Denn das Unmögliche, Unmenschliche, auf das
man zurückgriff, geschah: Die Wolgadeutschen wurden verraten,
unbegründet, also auf ganz gemeine Weise verleumdet, beraubt
und von ihrem Boden, Haus und Heimat aufgrund dieser Verleumdung
vertrieben. Auf ewige Zeiten, wie es hinterher nach sieben Jahren
Foltern schon im Jahre 1948 hieß. Mag sein
auf ewig
Es
sei aber daran erinnert, dass die Sache mit den "ewigen Zeiten"
sozusagen zweischneidig ist. Denn das, um es ganz milde auszudrücken,
Unrecht, das den Wolgadeutschen, später aber allen Russlanddeutschen
angetan wurde, bleibt Unrecht, es veraltet eben nicht. Und in diesem
Fall, wie es unlängst ein Leser in unserer Zeitschrift VadW
3/2001 zu Recht formulierte, "
werden die Erben des für
dieses Unrecht verantwortlichen Staates diese schwere historische
Last auf sich zu nehmen haben - generationenlang - für 'ewige
Zeiten'!" So sieht es mit den "ewigen Zeiten" am
anderen Ende aus. Ist es immer noch nicht Zeit, dort dem
Recht und der Gerechtigkeit das Wort zu reden?
Unterdessen nimmt sich der für dieses Unrecht verantwortliche
Staat diesbezüglich die Zeit
Uns Wolgadeutschen droht
sie aber nach 60 Jahren langsam davonzulaufen und die Merkmale und
Eigenschaften, ja selbst das ohnehin schon bedrohte Identitätsbewusstsein
der gepeinigten Volksgruppe mit sich zu reißen und endgültig
zu verwischen.
Eine Weisheit lautet: Der Mensch muss umso mehr Heimat mit sich
tragen, je weniger er davon hat.
Unsere Väter und Mütter nahmen damals ins Unheil viel
Heimat in ihre blutenden und doch so heimatliebenden und heimattreuen
Herzen auf, denn das konnte man ja nicht verbieten. Aber man kann
Herzen töten. Und man tötete sie später. Massenhaft.
Zuerst die besser "gefüllten", intelligentesten unter
ihnen, versteht sich. Der Entwurzelung zugunsten; um das an die
Wolgaheimat gebundene Identitätsbewusstsein der Wolgadeutschen
auszulöschen. Nicht allzu viel von diesem Heimatgeist blieb
mit den Überlebenden übrig. Umso sorgsamer bewahrten sie
diesen Geist der ihnen geraubten Heimat und verteilten ihn jahre-
und jahrzehntelang sorgfältig und sparsam von Herz zu Herz
an die Heranwachsenden in der Hoffnung, ihre Kindeskinder doch noch
an ihre wolgadeutschen Wurzeln zurückzubringen. Vergeblich.
Denn gerade das sollte ihnen verboten bleiben: identitätsbewusste
Kinder. Auf ewige Zeiten
So musste diese mitgebrachte Quelle des Heimatgeistes, gewaltsam
von dem sie speisenden Heimatboden getrennt, einst versiegen. Heute
ist sie nahezu ausgetrocknet. Das heißt, die Zahl und damit
der geistige Einfluss der Älteren unserer Landsleute, die vor
der Vertreibung noch als erwachsene Menschen die Wolgaheimat unmittelbar
erlebten und in den vergangenen Jahrzehnten so gut es ging uns mit
ihr verbanden, geht seinem Ende zu. Was nun?
- Haben wir von ihnen genug Heimatgefühl und Heimattreue
in unseren Herzen aufgenommen, um die Wolgaheimat nicht endgültig
zur Fremde werden zu lassen?
- Bekennen wir uns in unserer Mehrheit nach bestem Wissen und
Gewissen zum Wolgadeutschtum; identifizieren wir uns noch aller
Verantwortung bewusst mit unseren wolgadeutschen Vorfahren?
- Ist dieses Identitätsbewusstsein stark und zuverlässig
genug, um bei einem großen Teil unserer entwurzelten Stammesgenossen,
die zu verschiedenen Zeiten in den Verbannungs- und Sondersiedlungen
geboren wurden, dasselbe zu beleben, wiederherzustellen oder es
sogar überhaupt erst zu schaffen?
Das sind nur einige Fragen, die für uns Voraussetzungen darstellen,
unter welchen der geistige Halt des Einzelnen und ein Fortbestand
unserer gemeinsamen Volksgruppe auf Dauer mehr oder weniger gesichert
werden kann.
Da aber zu den grundlegenden Voraussetzungen der Völker zu
allen Zeiten Geschichts- und Identitätsbewusstsein samt dem
daraus folgenden Patriotismus zählten, müssen wir eben
diese uns abhanden gekommenen Tugenden wiederherstellen oder aber
neu erlangen. Wie? Besser in enger Zusammenarbeit mit Stammes- und
Gesinnungsgenossen. Am besten aber in einem entsprechenden Verein
und nach Möglichkeit in Berührung mit den Wurzeln des
Volkstammes. Dabei sollte man sich im Klaren sein, dass einerseits
die Vertreibung einem Volk das Recht auf seine Heimat nicht nehmen
kann. Andererseits aber auch, dass all das Leid und Elend, das wir
in diesen 60 Jahren zu ertragen hatten, uns von der Pflicht ihr
gegenüber nicht befreit. Es befreit uns auch nicht von der
Verantwortung gegenüber all dem, was in der Wolgaheimat als
Geist und Werk unserer Ahnen bezeichnet wird
Ein besondertes Erwähnen gebührt zu diesen Septembertrauertagen
den Opfern. Den Hunderttausenden unschuldigen Opfern des Genozids,
die wir zu beweinen und derer wir zu gedenken haben.
Bis heute schreien sie aus unzähligen verlassenen Verscharrungsplätzen
und Morastlöchern des endlosen Gulags zu unserem Gewissen auf:
Verratet uns nicht! Vergesset nichts!
Gerade hier, bei den grauenhaftesten Seiten unserer nationalen
Tragödie haben wir am wenigsten zu erwarten, dass irgendjemand
außer uns selbst diesen Märtyrern das Gedenken verewigt.
Und wenn bis heute wir Russlanddeutschen uns nicht einigen konnten,
ob der uns gebührende Ort unserer ethnischen Auferstehung in
Sibirien, im Altai, in Kasachstan, der Ukraine usw. usf. oder doch
an der Wolga in der wiederherzustellenden Republik liegt, so werden
wir uns doch um Gottes Willen an diesem unermesslich schrecklichen
Gulag-Verscharrungsplatz einig sein, dass wenigstens hier wir eine
gemeinsame Pflicht zu erfüllen haben und sie auch erfüllen
werden.
Ja, es handelt sich hier um eine Riesenarbeit, die weiß Gott
nicht für Schwache geeignet und auch nicht an bequemen Ortschaften
zu bewältigen ist. Also sind es vor allem unsere Jugendlichen,
deren sprudelnde Energie und Pioniergeist, Wissensdurst und verzerrungsfreie
Auffassung von Wahrheit und Gerechtigkeit hier sehr wohl am Platz
wären. Wollen hoffen, dass auch der Bundesvorstand der "Deutschen
Jugend aus Russland" (DJR) darin eine seiner würdigsten
Aufgaben erblickt.
Inzwischen wird der Jüngste unter uns Wolgadeutschen, der
noch in der Heimat geboren wurde, in diesen Septembertagen 60
Andreas heißt er, Andreas Kinzel; wir kennen ihn ja bestimmt
alle. Unterm Wagen, auf dem sein Großvater, der alte Kinzels-Vater
im Sterben lag, wurde er geboren, als der Vertriebenen-Wagenzug
am Mittag Rast machte.
"Dort", berichtet uns Victor Klein in seinem Roman, "wo
an der Landstraße die Grenze zum Heimatdorf verlief, wurde
kurz danach der alte Andreas beerdigt, wie er sich es wünschte,
an unserer Grenze, mit dem Gesicht dem Dorf zu
"
"Der Pausback Andreas", lesen wir bei Victor Klein weiter,
"wird heranwachsen und dereinst als Mann sich seinem Großvater
und seinen aufrechten und wackeren Landsleute als würdig erweisen
"
(V. Klein, "Der letzte Grabhügel"; Auszug aus dem
Roman in R. Keil und W. Herdt, "Über Victor Klein und
seine Zeit", S. 54-55.)
Er täuschte sich nicht, der Autor
Einige Jahre ist es
her. Da hatte ich die Gelegenheit, einem der Enkel unseres Jubilars
(so glaube ich jedenfalls) auf einer Behörde zu begegnen. Ein
Vorstellungsgespräch war zu Ende, und als der Beamte, seine
Aktenmappe schließend, den Jungen wie nebenbei fragte, wie
er sich hier in Deutschland so fühle - als Russe, antwortete
dieser in einem Dialektgemisch, aber glatt und ohne merkbare Verlegenheit,
was für seine Überzeugung sprach: "Bin 'n Wolgadeitscher
wie mein Vater un so fiel' ich mich aach." Der Beamte schaute
ihn einen Augenblick verwundert an, dann belebte ein freundliches
Lächeln sein Gesicht; er trat hinter seinem Tisch hervor und
verabschiedete sich von dem Jungen mit einem kräftigen Händedruck.
Er ging.
Ich bewunderte den Jungen; sein klares, ungezwungenes Identitätsbewusstsein
bei seinem Jugendalter stand in krassem Widerspruch zu all dem,
was wir alltäglich in unseren Aussiedlerkreisen so zu beobachten
haben. Und wenn schon dieser Mehrheitszustand es erlaubt, mit Recht
zu behaupten, dass diese eine Schwalbe noch keinen Sommer
macht, so bringt sie doch die Botschaft, dass ihr andere
folgen, die den Sommer mit sich bringen. Er ist unaufhaltsam.
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