Die Bessarabiendeutschen
Von Arthur E. Flegel, Menlo Park, California
Journal, American Historical Society of Germans from Russia,
Lincoln, Nebraska, Fall, 1993
Unter den Provinzen des Zarenreichs war Bessarabien das kleinste
Land, ungefähr ¼ so groß wie Kansas und 1/5 so
groß wie Colorado. Es war von der Odessa Region durch den
Dnjestr im Osten getrennt und seine westliche Grenze bildete die
Pruth. Es grenzte im Süden an das Schwarze Meer und ganz im
Süden trennte die Donau es von Dobrudja, Rumänien. Am
nordwest Rand grenzte es an das rumänische Bukovinien und Galatien,
hatten auch eine ziemlich große deutsche Bevölkerung.
Ursprünglich wurde Bessarabien als Teil der Moldau, Rumänien,
nach dem Dritten Russisch-Türkischen Krieg vom russischen Zar
Alexander I beim Vertrag mit Bukarest 1812 den Türken abgenommen.
Der Vertag von Versaille 1918 gab es an Rumänien ab, um wieder
Teil der Moldau zu warden. Stalin begann bald seine Rückgabe
an die UDSSR zu verhandeln und 1939 erreichte er sein Zeil mit ser
Hilfe Hitlers. Durch dieses Abkommen wurde die ganze deutsche Bevölkerung
von etwa 92 000 für die Wiederansiedlung in der polnischen
Region an der Warthe evakuiert. Aus irgendeinem Grund entschloß
sich Stalin den Budschak, der von Deutschen erschlossen worden war
und wo sie früher als Teil der Ukraine SSR 100 Jahre lang gelebt
hatten, Teil Bessarabiens werden zu lassen. Zusätzlich wurde
Bukovinien im Norden auch ein Teil der Ukraine. Neben diesen Änderungen
wurde das Gebiet mit den Glückstal Kolonien östlich vom
Dnjestr, der solange die Grenze gebildet hatte, plötzlich Teil
der neuen Moldauer SSR.
Nachdem Alexander Bessarabien erworben hatte, entschloß er
sich dieses wellenförmige Gelände und die Prärien,
die jahrhunderte lang Weideland für die Moldauer und nomandischen
Tartaren waren, in eine landwirtschaftliche Region umzuwandeln.
Natürlich war es zweckmäßig deusche Bauern einzuladen
besonders die aus Süd Deutschland wo sein Onkel als König
von Württemberg herrschte. Sein Manifest war auch in den polnischen
Regionen, die nach der berühmten Aufteilung Polens in den Jahren
1772, 1793 und 1795 unter preußische Militärherrschaft
gekommen waren, verbreitet worden; danach existierte Polen nicht
mehr als Nation. Als Napoleon jedoch 1806/07 durch diese Region
zog, um Rußland 1812 zu überfallen, gelang es ihm die
Preußen zu schlagen. Ein großer Teil des jüngst
geschaffenen West Preußens wurde zum Herzoatum Warschau. Dies
ließ die deutschen Kolonisten, die von den Preußen in
diese Gegend gebracht worden waren, in einem persona non grata Zustand.
Für sie war die Einladung Alexanders ein echtes Geschenk Gottes.
Anfang 1813 begannen Karawanen von Deutschen aus dem polnischen
Preußen in Bessarabien anzukommen. Nach bessarabischer Tradition
reisten sie mit Ein- oder Zweispännern und sogar mit Handwagen
auf staubigen Wegen, keine Straßen, über Berg und Tal.
In den meisten Fällen liefen kräftige Frauen und manner
und ältere Kinder die ganze lange und ermüdende Strecke
von 1 000 Km (600 Meilen) zu Fuß.
Bei der Ankunft entdeckten sie, daß es das versprochene Zuhause
nicht gab. Folgedessen wurde der erste Winter in Schuppen einheimischer
moldauischer Familien, die den Deutschen verhaßt waren, verbracht.
Die Sitten waren total anders und Sauberkeit gab es nicht. Sie lernten
‘Mamaliga’ oder Gries, ein grobkörniges Essen,
das von enthülstem Getreide, was später zum Hauptnahrungsmittel
für viele Familien wurde, kennen.
Im Sommer des Jahres 1814 begann die Errichtung der ersten primitiven
Unterkünfte. Sie bestanden aus vier Eckpfeilern, die in den
Boden, in ein Quadrat, dessen Öffnungen mit Schilf und Binsen
ausgefüllt wurde und mit Schlamm verputzt wurde, eingeschlagen.
Ein Strohdach folgte und das Haus war fertiggestellt. Jaden Samstag
wurden die erhärteten Erdböden mit einer dünnen Schicht
Sand bedeckt. Fenster waren Luxus, der erst später dazu kam.
Kein Pionier des westlichen Amerikas labte unter primitiveren Bedingungen.
1814 enstanden die Dörfer Tarutino, Borodino und Krasna; ihre
Bewohner waren im Herbst des Vorjahres aus dem preußischen
Polen gekommen. 1815 folgten Klöstitz, Kulm, Leipzig und Wittenberg;
1816 Arzis, Brienne, Beresina, Paris und Alt-Elft und 1817 Teplitz,
das ganz aus Einwandern von Wüttemberg bestand. Namen dieser
Dörfer erinnern an russische Siege über die einfallenden
französischen Streitkräfte dieser Orte. Die Gründung
der restlichen 12 von den ursprünglichen 25 Siedlungen hielt
bis 1842 an und bestand aus mehreren, die eigentilich die ersten
Tochter Kolonien waren. Die deutsche Bevölkerung betrug etwa
2 395 Familien mit ungefähr 9 200 Personen.
Die Volkszählung Bessarabiens 1930 gab etwa 2 800 000 wie
folgt an: 1 600 000 Rumänen, Bulgaren und Moldauer des orthodoxen
Glaubens, 204 850 Juden und 90 000 Deutsche. Obwohl sie eindeutig
eine Minderheit darstellten, war der deutsche Einfluß auf
die Wirtschaft und das Wohl der Region von großer Bedeutung.
Zur Zeit der Evakuierung im Oktober 1940 wurde es von 92 329 Menschen
verlangt, praktisch ihr ganzes irdische Hab und Gut und Grundbesitz,
wofür sie den Weg gebahnt und im Verlauf eines Viertel Jahrhunderts
so fleißig gearbeitet hatten, aufzugeben.
Bei der Analyse des echten Bestandteils der Bessarabiendeutschen
erkennen wir sie als eine echte polydemische und vielsprachige Gesellschaft.
Da die Mehrheit der Einwanderer ihren Ursprung in Württemberg
hatte und den schwäbischen Dialekt sprach, wurde das schwäbische
Deutsch in diesem Gebiet vorherrschend. Die andere große Gruppe
aus preußisch/polnischen Regionen sprach preußische
oder neiderdeutsche Dialekte, die an der Ostsee weit verbreitet
waren. Dazu gehörten Siedler der zweiten Generation Polens
aus West- oder Süd Deutschland, die eine Mischung von schwabischen
und preußischen Dialekten und zahlreiche Polen, die das Deutschtum
angenommen hatten. Diese Gruppe wurde in Bessarabien Kaschuben geannt,
Kurtz Kaschup, was eine völlig falsche Bezeichung war. Die
eigentlichen Kaschuben waren ein slawischer Stamm an der Ostseeküste
bei der Weichsel und der letzte Stamm wurde zum Christentum bekehrt.
Man kann nur raten wie dieser Spitzname in Umluf kam.
Unter diesen waren Deutsche aus Baden, der Rheinpfalz, Rheinhessen
und dem westlichen Bayern. Um noch mehr Farbe in diese Mischung
zu bringen, kamen deutschsprachige und französischsprechende
Elässer mit einer Siedlung schweizer Einwanderer, von denen
ein Teil ihr germanisches Switzerduitsch und andere französische
Dialekte sprach, aus westlichen Gegenden des Rheins.
In den 1840ern nachdem Cholera Epidemien die Bevölkerung heimgesucht
und stark dezimiert hatten, wurde es Familien der früher gegründeten
Dörfer in der Odessa Region und anderen Gebieten am Schwarzen
Meer gestattet, die menschenleeren Heimstätten zu übernehmen.
Obwohl die Dialekte sich sehr ähnelten, fügten sie eine
andere Dimension zur Vielfalt der bessarabischen Siedler hinzu.
Die vorherrschende Glaubensrichtung war evangelisch-lutherisch
mit einer römischkatholischen Minderheit. Am Anfang waren Lutheraner
und Katholiken in den zwei Gemeinden Tarutino und Krasna. Jedoch
zogen mit der Zeit Katholiken von Tarutino nach Krasna und Lutheraner
verließen Krasna, um nach Tarutino oder in das benachbarte
Kazbach zu ziehen. Diejenigen, die es vorzogen in ihrem festgesetztem
Dorf zu bleiben, nahmen gewöhnlich den Glauben dieser Gemeinde
an. Die Hauptstadt, Kischinew, und seine Vororte hatten hauptsächlich
eine deutsche katholische Bevölkerung.
Insgesamt wurden 146 956 Desjatinen (396 781 acres)¹ Land
verteilt. Jedem erwachsenen Hausherren wurden 60 Desjatinen (162
acres) zugeteilt; dazu gehörten ein Platz für das Haus,
1 Desjatine (2.7 acres), direkt im Dorf. Falls er unerwartet starb,
war es für die Witwe vorteilhaft, sofort wieder zu heiraten,
da sie und ihre minderjährigen Kinder sonst das Grundstück
aufgeben mußten. Die Kolonien waren mit Feldern, die vom Dorf
entfernt lagen und in Weideland, Anbauflächen, Brachland und
Waldungen eingeteilt waren, entworfen. Familien hatten eigene Gärten,
Wingerte und Obstgärten
innerhalb der Grundstücksgrenze, die Wohnquartier, Scheune,
Stallungen, Kornkammern, Dreschplätze, Getreidekästen
und Heu- und Strohhaufen usw. miteinschloß,
Einfach wie ihr Anfang gewesen sein mag, dauerte es nicht lang
bis diese fleißigen Deutschen ein zufriedenstellendes Leben
für sich geschaffen hatten. Der unverbrauchte sandige Lehmboden,
obwohl er mit uralten Grasen bewachsen war, gab den einfachen, groben
Pflügen, die von Ochsen gezogen wurden, nach, und das zugeteilte
Land wurde bebaut. Es gab auch andere Schwierigkeiten in Form von
schädlichen Heuschrecken, Feldmäusen, und anderen Nagetieren
und durch natürliche Ursachen regelmäßig wiederkehrende
Mißernten.
Wie bereits erwähnt waren die Behausungen am Anfang äußerst
primitive Bauten. Sobald es ihre Kraft jedoch erlaubte, begannen
sie Häuser aus erhärteten Lehmziegeln zu bauen, die weiß
gewaschen wurden und ein sauberes, angenehmes Bild, verglichen mit
den Hütten der Nachbardörfer der Einheimischen, abgaben.
Die Kolonien waren gut entworfen, mit breiten Straßen, die
mit Robinien gesäumt waren und hinter denen auf jeder Seite
Steinmauern gesehen warden konnten, die die einzelnen Grundstücke
unmfaßten. Später wurden je nach Bedarf Querstraßen
und Nebenstraßen angelegt.
Das Zentrum eines jeden Dorfes war für städtische Gebäude
reserviert, die 1. aus einer imposanten Kirche sobald sie sich geleistet
werden konnte 2. der Schule, die als Kirche diente bis eine aufgestellt
wurde 3. einer Kanzlei oder örtliche Verwaltungskanzlei und
Geschäftsgebäude bestanden; ihre Anzahl hing von der Größe
und Bedeutung der Gemeinde ab. Zur Zeit der Evakuierung 1940 wirkten
diese Strukturen im Gegensatz zu jenen der benachbarten bulgarischen,
rumänischen oder anderen Völkergemeinden sehr beeindruckend.
Die Kirche war das kulturelle sowie religiöse Zentrum weswegen
der Besuch außerst wichtig wurde, fast obligatorisch. Da der
Bezirk zahlreiche Dörfer umfaßte, heilt der Küster
oder Schulmeister den normalen Gottesdienst und Taufen, wobei letztere
später vom Pastor bestätigt wurde, ab. Das Aufkommen einer
Vielfalt pietistischer Gruppen bracht religiöse Änderungen
mit sich. Sie wurden oft mit “Kult” bezeichnet und benutzten
getrennte Plätze für den Gottenesdienst. Da Ihre Anzahl
zum größten Teil klein war, traften sie sich gewöhnlich
in den Häusern der Gemeindemitglieder. Die Separatisten vermienden
die meisten Veranstaltungen der Gemeinde und verweigerten ihren
Kindern oft eine Ausbildung in lutherischen Schulen, welche sie
als zu weltlich für ihren reinen, einfachen Glauben betrachteten.
¹acre = amerikanisches Flächenmaß; 2.5 acres ungefähr
1 ha
Die bessarabischen Deutschen liebten Pferde und waren wegen der
Qualität ihrer Kutschen und Zugpferde sehr angesehen. Züchter
und Käufer kamen von weit her, um die edlen Deckhengste zu
benutzen oder Tiere zu kaufen, um ihre eigenen Linien zu verbessern.
Außerdem hielt jede Familie Vieh, Schafe und Schweine sowie
alle Arten an Geflügel für den Eigenbedarf. Geschlachtet
wurde im Herbst nachdem die Ernte eingebracht worden war und das
Wetter kühl wurde. Die Begebenheiten wie das Schlachten, Maisraspeln,
Erstellung eines neuen Gebäudes usw. war normalerweise eine
Angelegenheit der Gemeinde, bei welcher mehrere Familien oder sogar
ganze Kolonien teilnahmen.
Hochzeiten wurden während der Wintermonate gehalten. Das Hochzeitsaufgbot
wurde gewöhnlich einen Monat vor der eigentlichen Zeremonie
in Gegenwart der ganzen Gemeinde erlassen. Gesellschaftliche Ereingnisse,
an denen alle Kirchenmitglieger teilnahmen, dauerten zwei Tage oder
länger mit Festessen, Tanz, Gesang und alle Arten an Frivolitäten.
Auf ähnliche Art und Weise brachten Beerdigungen und Feiertage
die ganze Gemeinde zusammen. Bei diesen Gelegenheiten war das Glockengeläute
im Turm neben der Kirche normal.
Außer dem Ausrufen von Gottesdiensten wurden die Glocken
zu anderen Zeiten wie zum Beispiel bei einem Feuer im Dorf, Unfall,
Tod, eine besondere Verkündigung vom Bürgermeister oder
einem anderen wichtigen Beamten usw. geläutet. Ein kräftiger
Küster konnte Nachrichten mit Hilfe von Tönen und Häufigkeit
der Schlagens übermitteln. Es war eine große Ehre zum
Küster der Gemeinde erwählt zu werden.
Ausbildung bildete den Mittelpunkt eines jeden deuschen Dorfes.
Ein oder zwei manchmal sogar drei Lehrer unterrichteten nich weniger
als 150 Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen und Religion. Im
Alter von 15 Jahren, gewöhnlich am Palmsonntag, erschienen
die Jugenlichen vor der versammelten Gemeinde zu Konfirmations(abschluß)übungen,
die von dem Pastor der Gemeinde auf einem seiner regelmäßigen
Besuche abgehalten wurden.
Mit der Zeit ging es vielen Dörflern recht gut was sie veranlaßte
zusätzliche Grundstücke zu kaufen und khutors zu gründen,
aus denen sich oft Tochterkolonien bildeten. Ihre Farmen und Wingerte
wurden musterhaft und außerst produktiv. Die Industrie innerhalb
eines Dorfes hatte eine hohes Niveau so wie Teplitz für seine
Herstellung von Wagen bekannt wurde. Jede Kolonie rühmte sich
ihrer verschiedenen kleinen Einzelhandelsgeschäfte von den
immer ein oder zwei von jüdischen Kaufleuten betätigt
wurden. Mehrere größere Dörfer so wie Tarutino,
Beseina und Sarata wurden Handelszentren, in denen jede Woche Basare
gehalten wurden und alles von Trockenware bis hin zu Tier- und Gartenprodukten
verkauft wurde. Die Kolonien selbst spiegelten ein hohes Grad an
Wohlstand und Sauberkeit wider bis zu dem Grad, wo sie als Oase
von vielen müden Reisenden, die sie antrafen, bezeichnet wurden.
Daher waren die bessarabischen Deutschen zu einem sehr empfehlenswerten
Leben in den 125 Jahren der Entwicklung und Existenz in der Region
vorgeschritten. Ihre Grundstücke im Dorf wurden gepriesen,
ihre Bauernhöfe waren unübertroffen und sie lebten in
einer friedlichen Gemeinde, in der nur ein gelegentliches Verbrechen
oder Unglück vorkam. Jedoch wurde all das unterbrochen, als
sie gezwungen wurden weg zu gehen und ihren Besitz 1940 aufgeben
mußten. Das neue Regime entweihte ihre schönen Kirchen
und die baumumfaßten, netten Dörfer, die so sauber und
gut erhalten worden waren, aber jetzt bei den neuen Bewohnern verkommen
waren bis sie nicht einmal die kleinste Ähnlichkeit mit der
Qualität des Lebenstils, über den früher einmal so
geprahlt wurde, aufwiesen.
Einige Bessarabier wurden gefangen genommen und den Russen ausgeliefert,
die sie in Arbeitslager als Sklaven schickten während die anderen
in Ost- und West Deutschland und anderen Gebieten der Welt verstreut
wurden, als sie 1945 gezwungen wurden um ihr Leben zu rennen, da
die Russen die polnische Region an der Warte überfielen wo
sie von Hitler wiederangesiedelt worden waren. So wird die Saga
der Bessarabiendeutschen zu Ende gebracht.
Übersetzt von Brigitte Von Budde, Fargo, North Dakota, U.S.A.
Germans from Russia Heritage Collection
North Dakota Institute for Regional Studies
North Dakota State University Libraries
P.O. Box 5599
Fargo, North Dakota 58105-5599 U.S.A.
|