| Das Aussiedler - A B C
Süddeutsche Zeiting Magazin, no date
Wie lernen Aussiedler ihre Muttersprache? Im Deutschkurs
- und im täglichen Umgang mit den Behörden
und Bestimmungen der Bundesrepublik. Charis Multer
unterrichtete zwei jahre lang Menschen aus den Staaten
der GUS und Osteuropa. Dabei hat sie ein ganz spezielles
deutsches Alphabet kennengelernt.
Anerkennung
Etwa drei Millionen Russlanddeutsche leben auf dem
Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Seit 1987 sind
750,000 Aussiedler aus den Staaten der GUS in die
Bundesrepublik eingereist.
"Als Aussiedler werden diejenigen anerkannt",
fasst die Deutsche Presseagentur zusammen, "denen
als deutsche Staats- oder Volkszugehörige nach
Abschluss der allgemeinen Vertreibungsmassnahmen,
das heisst aab 1951, aufgrund bilateraler Verträge
die Übersdiedlung aus dem Ostblock in die Bundesrepublik
gestattet wurde ... Alle Aussiedler müssen sich
nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik zunächst
in einem der Durchgangslager(Bramsche, Friedland,
Giessen, Hamm, Nürnberg, Osnabrück und
Unna-Massen) melden und dort regitrieren lassen.
In diesen Lagern werden sie behelfsmässig versorgt
und von karitativen Einrichtungen wie dem Deutschen
Roten Kreuz, der Caritas, dem Diakonischen Werk und
der Arbeiterwohlfahrt versorgt. Hier erhalten sie
den sogenannten Resistrierschein, der nach einer
vorläufigen Prüfung ihren deutschen Staats-
oder Volkszugehörigkeit als Nachweis Ihres Aussiedlerstatus
gilt, bis sie den Vertriebenenausweis bekommen. Mit
dem Registrierschein gehen die Aussiedler dann in
die Gemeinde, die ihnen zugewiesen wurde."
In den ersten fünf Monaten des Jahres 1993
stellten 110,652 Personen Anträge für Aufnahmebescheide,
im Jahr zuvor waren es 160,818 Personen. Wer in Osteuropa
nach dem I.I. 1993 geboren ist, wird nicht mehr als
Aussiedler anerkannt.
Beruf
Natalja Rawil Maurer, 34, aus Kasachstan, verheiratet,
zwei Söhne (10 und 12), ist russisch-tatarischer
abstammung und gelernte Hebamme. Diesen Beruf hat
sie allerdings nie ausgeübt, sondern im Gebiet
Zelinograd/Kasachstan in einer Krankenhausverwaltung
als Sachbearbeiterin gearbeitet. Nach einem achtmonatigen
Deutschkurs spricht sie ausreichend deutsch für
den alltagsgebrauch. Frau Maurer hat ihr Hebammendiplom
zwar übersetzen lassen, aber Probleme mit der
Anerkennung. Sie meint auch, die hier bestehenden
Anforderungen im Geburtshilfebereich nicht meinstern
zu konnen. "Wo soll ich nur arbeiten",
fragt sie, "als Putzfrau im Krankenhaus?"
Iema Degtjarjowa, 42, Mathematiklehrerin aus Russland,
weiss inzwischen, dass sie in Deutschland nicht mehr
in ihrem Beruf arbeiten können wird. Nach dem
Sprachkurs hat sie eine teilzeit-Aushilfsstelle in
der Briefverteilung der Post gefunden. "Ich
mach' vielleicht auch Tagemutter", sagt die
Mutter von vier Kindern. "Wenn mich die deutschen
Frauen akzeptieren..."
Chic
Aussiedler erkennt man an der Kleidung. Die Männer
in ihren Anzügen, die entweder nach Altkleidersammlung
aussehen oder noch im taillierten Stil dere siebziger
Jahre geschnitten sind - um die Schultern und die
Hüften heute viel zu eng. Die Frauen tragen
perfekt gebügelte Blusen aus verwaschenem Baumwollstof,
darüber Pullover aus osteuropäischer Billigproduktion,
die Schuhe sind dünnsohlig und ausgetreten.
Aussiedler, vor allem aus den Staaten der GUS, können
von dem, was sie im Laufe ihres Lebens zu Hause erworben
haben, wenig mitnehmen. Seit dem 1 April 1993 wird
der Transport von Umzugsgütern nicht mehr von
Bonn bezahlt. Das Bundesinnenministerium rechnet
mit einer Einsparung von 22 Millionen Mark.
Deutschkurs
Bis zum Ende des Jahres 1992 wurde jedem anerkannten
Aussiedler ein achtmonatiger deutschkurs (1078 Unterrichtsstunden)
als Wiedereingliederungsmassnahme zugestanden. Für
Spätaussiedler ab dem Jahr 1993 verringert sich
die Kursdauer auf sechs Monate - übrigens mit
zehn Stunden pro Tag. Der Unterricht findet in Sprachschulen
und kirchlichen Einrichtungen statt. Die Sprachkurse
werden als Massnahme von den Arbeitsämtern finanziert,
die auch die Anwesenheitslisten kontrollieren können.
Im Sprachkurs sitzen im Schnitt zwanzig bis dreissig
Teilnehmer, zwischen 18 und über sechzig Jahre
alt, darunter auch Analphabeten. Es drücken
Leute die Schulbank, die seit virzig Jahren nicht
mehr in die Schule gegangen sind. Zum Beispiel Lidia
Laubach aus Kasachstan, 55, Stallmagd in einer Sowchose: "Ich
hab' schon oft g'weint. Kann mir nix merke. Kann
nix lerne. Geht nix nei in mein Kopf. Schlafff' in
der Schul' ei. Zu schwer alles." Hugo wormsbecher,
Vorsitzender des Verbandes der Russlanddeutschen: "Natürlich
beherrschen wir die deutsche Sprache nicht so gut.
Wir sind nicht solche Deutsche wie die Deutschen
hier. Unsere Muttersprache ist auch nicht die Hoch-
oder Bühnensprache, sondern eine Mundart; wir
haben 33 Mundarten in Russland gehabt. Wir sind Deutsche,
die meist rlussisch sprechen. Wir sind Russlanddeutsche,
ein brückenvolk zwischen den Russen und den
Deutschen."
Entschädigung
Entschädigung können Aussiedler beantragen,
die zur sogenannten Erlebnisgeneration geören
und Haft, Deportation oder Zwangsarbeit erlitten
haben und dies auch nachweisen können. Auf den
Grundlagen des Kriegsfolgenentschädigungsgesetzesund
des Häftlingshilfegesetzes konnten früher
je nach Dauer und Schwere von Deportation, Haft oder
Zwangsarbeit eine Entschädigung von tausend
bis zu 15,000 Mark errechnet werden. Seit dem 1.1.
1993 gilt jedoch eine andere gesetzliche Grundlage,
die des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes: Aussiedler,
die vor 1946 geboren sind, werden pro Kopf pauschal
mit sechstausend Mark entschädigt (soweit sie
Kriegsfolgen nachweisen können). Personen, die
zwischen 1946 und dem 1.4. 1956 geboren sind, werden
mit einer Pauschale von viertausend Mark entschädigt.
Mit diesem Datum endete die Kommandanturaufsicht
in der Sowjetunion. Fur Assiedler war wieder Freizügigkeit
erlaubt.
Führerschein
Seit dem 7. April 1993 wird der Führerschein
bei Inhabern aus Nicht-EG-Ländern (Ausnahme:
Ungarn) nicht mehr anerkannt. Viele Aussiedler sind
Kraftsfahrer beziehungsweise Traktoristen von Beruf.
Sie fürchten, die theoretische Führerscheinprüfung
wegen mangelhafter sprachkenntnisse nicht zu bestehen
- trotz des Deutschkurses. So Iwan Maurer, 36, Kraftfahrer.
Ein Jahr hat er Zeit, um die Fahrprüfung zu
wiederholen, doch den theoretischen Teil, meint er,
schafft er bis dahin nie. Ausserdem hat er gesundheitliche
Probleme, war mehrmals im Krankenhaus. "Meine
Existenz", sagt Iwan, "ist kaputt."
Geschichte
Die deutschstämmige Zarin Katharina II lud
per Dekret vom 22.7. 1763 die ersten deutschen Familien
ins Land. Ackerland an der Wolga, zinslose Darlehen,
die Befreiung von der Steuerpflicht (auf zehn Jahre)
ud vom Militärdienst, Religionsfreiheit und
Selbstverwaltung wurden ihnen versprochen. Am 19.
10. 1918 erklärte Lenin die deutsche Kolonie
an der Wolga zum autonomen Gebiet und nahm damit
einen noch vor der Revolution von 1917 getroffenen
Beschluss zu ihreer Autflösung zurück.
Die Jahre 1941 bis 1943 waren das Ende der bisher
aautonomen Deutschen an drr Wolga: Vertreibung, Zwangsarbeit,
Verfolgung - die Reaktion Stalins auf den Angriff
Hitlers gegen die Sowjetunion. Als späte Aantwort
auf das Schicksal der von deutschen Brhörden
so genannten "Erlebnisgeneration", die
langsam ausstirbt, gründete Heinrich Roth im
März 1989 die Bewegung "Wiedergeburt." Ein
Kongress zur Wiedereinrichtung der Wolgarepublik
wurde von ihm 1991 in der alten Republikhauptstadt
Engels (heute Pokrowik) einberufen.
Anfanag der neunziger Jahre schien die Idee von
der Neuerrichtung einer wolgarepublik ein Phantom
zu sein, das, auch von Boris Jelsin als Projekt forciert,
durch die deutsche Presse geisterte. Aber: Nichts
ist und nichts wird geschehen. Neues Unrecht, so
die Warnungen, würde entstehen. Und die meisten
Russlanddeutschen wollen auch nicht in die Ukraine
(von Leonid Krwtschuk eingeladen) oder nach St. Petersburg
(von Bürgermeister Sobtschak dazu aufgefordert)
oder nach Kaliningrad, dem früheren Königsberg,
sondern gleich nach Deutschland. Nur nach Deutschland.
Bei einem Besuch von Aussenminister Klaus Kinkel
in Moskau Anfang Oktober 1992 wurde das Projekt Wolgarepublik
jedoch erneut forciert. "Bitte handeln Sie schnell",
so Kindel zu seinem Amtskollegen Kosyrew. Nach Kindel
könne einezukünftige Lösung der Problematik
der noch etwa zwei Millionen Russlanddeutschen in
der GUS nur darin bestehen, auf deutscher und auf
russischer Seite alles zu tun, um sie "im Lande
zu behalten". Das Tempo der gegenwärtigen
politischen Ereignisse in Moskau scheint des Projekt
Wolgarepbulik allerdings wiederin weite ferne zu
rücken.
Heimat
Wie soll man das Präteritum im Sprachkurs ereklären?
Man schreibt an die Tafel: In meiner heimat hatte
ich ein Haus und verstand die Sprache. IN Deutschland
habe ich ein Hotelzimmer und verstehe nichts. Vergangenheit
- Gegenwart. Das Präteritum bezeichnet in der
Grammatik einen abgeschlossen Vorgang. Heimat ist
das, was vorbei ist.
Identität
"Sind wir richtige Deutsche? In Russland waren
wir die Faschisten, hier sind wir die Russen. Meine
Grossmutter sagt, wir Aussiedler wissen nicht, was
wir sind." Elena Enns aus Kasachstan, 22, schwanger,
verheiratet, abgebrochene Ausbildung als Bauzeichnerin.
Ihr Ehemann ist noch in der GUS.
"Ich bin deutscher, aber ich spreche schlecht.
Darum ich bin hier kein Deutscher. Ich muss beweisen,
dass ich Deutscher bin." Vikor Rack, Kasachstan,
Landarbeiter in einer wanderkolonne.
"Ich habe keine bestimmte Erwartungen, und
ich weiss nicht, was man von mir erwartet. Meine
wichtigsten Probleme liegen beim Ausdruck. Im Deutschen
habe ich nicht mehr die Freiheit, die ich im Rumämoscjem
gehabt habe. Ich fühle mich oft unsicher, wenn
ich versuche, mich deutlich auszudrückken. Ich
will nicht behaupten, dass ich weiss, wie man diese
Schwiergkeiten am besten überwinden könnte.
Ich versuche, Märchen aus den Rumänischen
zu übersetzen, und es bereitet mir grosse schwierigkeiten,
die richtige Worte zu finden, um den Sinn zu wiederergeben
... Schwierig wird es auch, wenn ich meine Gedanken
schriftlich formulieren muss ... Vorläufig ist
alles noch shr ungeölt. Was muss ich tun, um
Ihre und meine Erwartungen zu erfüllen?" Aus
einem Brief von Horst Bignion, 1986 sprachschülen
am Bayernkolleg. Bignion ging 1990 nach Rumänien
zurück.
Jugend
Jugendliche Aussiedler mit Abitur können sich
bei der Otto-beneche-Stiftung in Bonn um ein Stipendium
bewerben. Bedingung für die Förderung aber
is, dass ein berufsqualifizierender Abschluss hier
nicht oder nur zum Teil anerkannt oder nur nach einem
Ergänzungsstudium verwertbar wird.
Otto-Benecke-Stipendiaten können beispielsweise
am Bayernkolleg Augsburg in zwei- oder einjährigen
Kursen, sogenannten S Klassen, das deutsche Abitur
nachholen. In dieser zeit wohnen sie in einem angegliederten
Schülerheim. Deutsche aus Rumänien, die
in ihrer Heimat deutsche Schulen besuchen
wird nicht mehr als Aussiedler anerkannt.
Beruf
Natalja Rawil Maurer, 34, aus Kasachstan, verheiratet,
zwei Söhne (10 und 12), ist russisch-tatarischer
abstammung und gelernte Hebamme. Diesen Beruf hat
sie allerdings nie ausgeübt, sondern im Gebiet
Zelinograd/Kasachstan in einer Krankenhausverwaltung
als Sachbearbeiterin gearbeitet. Nach einem achtmonatigen
Deutschkurs spricht sie ausreichend deutsch für
den alltagsgebrauch. Frau Maurer hat ihr Hebammendiplom
zwar übersetzen lassen, aber Probleme mit der
Anerkennung. Sie meint auch, die hier bestehenden
Anforderungen im Geburtshilfebereich nicht meinstern
zu konnen. "Wo soll ich nur arbeiten",
fragt sie, "als Putzfrau im Krankenhaus?"
Iema Degtjarjowa, 42, Mathematiklehrerin aus Russland,
weiss inzwischen, dass sie in Deutschland nicht mehr
in ihrem Beruf arbeiten können wird. Nach dem
Sprachkurs hat sie eine teilzeit-Aushilfsstelle in
der Briefverteilung der Post gefunden. "Ich
mach' vielleicht auch Tagemutter", sagt die
Mutter von vier Kindern. "Wenn mich die deutschen
Frauen akzeptieren..."
Chic
Aussiedler erkennt man an der Kleidung. Die Männer
in ihren Anzügen, die entweder nach Altkleidersammlung
aussehen oder noch im taillierten Stil dere siebziger
Jahre geschnitten sind - um die Schultern und die
Hüften heute viel zu eng. Die Frauen tragen
perfekt gebügelte Blusen aus verwaschenem Baumwollstof,
darüber Pullover aus osteuropäischer Billigproduktion,
die Schuhe sind dünnsohlig und ausgetreten.
Aussiedler, vor allem aus den Staaten der GUS, können
von dem, was sie im Laufe ihres Lebens zu Hause erworben
haben, wenig mitnehmen. Seit dem 1 April 1993 wird
der Transport von Umzugsgütern nicht mehr von
Bonn bezahlt. Das Bundesinnenministerium rechnet
mit einer Einsparung von 22 Millionen Mark.
Deutschkurs
Bis zum Ende des Jahres 1992 wurde jedem anerkannten
Aussiedler ein achtmonatiger deutschkurs (1078 Unterrichtsstunden)
als Wiedereingliederungsmassnahme zugestanden. Für
Spätaussiedler ab dem Jahr 1993 verringert sich
die Kursdauer auf sechs Monate - übrigens mit
zehn Stunden pro Tag. Der Unterricht findet in Sprachschulen
und kirchlichen Einrichtungen statt. Die Sprachkurse
werden als Massnahme von den Arbeitsämtern finanziert,
die auch die Anwesenheitslisten kontrollieren können.
Im Sprachkurs sitzen im Schnitt zwanzig bis dreissig
Teilnehmer, zwischen 18 und über sechzig Jahre
alt, darunter auch Analphabeten. Es drücken
Leute die Schulbank, die seit virzig Jahren nicht
mehr in die Schule gegangen sind. Zum Beispiel Lidia
Laubach aus Kasachstan, 55, Stallmagd in einer Sowchose: "Ich
hab' schon oft g'weint. Kann mir nix merke. Kann
nix lerne. Geht nix nei in mein Kopf. Schlafff' in
der Schul' ei. Zu schwer alles." Hugo wormsbecher,
Vorsitzender des Verbandes der Russlanddeutschen: "Natürlich
beherrschen wir die deutsche Sprache nicht so gut.
Wir sind nicht solche Deutsche wie die Deutschen
hier. Unsere Muttersprache ist auch nicht die Hoch-
oder Bühnensprache, sondern eine Mundart; wir
haben 33 Mundarten in Russland gehabt. Wir sind Deutsche,
die meist rlussisch sprechen. Wir sind Russlanddeutsche,
ein brückenvolk zwischen den Russen und den
Deutschen."
Entschädigung
Entschädigung können Aussiedler beantragen,
die zur sogenannten Erlebnisgeneration geören
und Haft, Deportation oder Zwangsarbeit erlitten
haben und dies auch nachweisen können. Auf den
Grundlagen des Kriegsfolgenentschädigungsgesetzesund
des Häftlingshilfegesetzes konnten früher
je nach Dauer und Schwere von Deportation, Haft oder
Zwangsarbeit eine Entschädigung von tausend
bis zu 15,000 Mark errechnet werden. Seit dem 1.1.
1993 gilt jedoch eine andere gesetzliche Grundlage,
die des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes: Aussiedler,
die vor 1946 geboren sind, werden pro Kopf pauschal
mit sechstausend Mark entschädigt (soweit sie
Kriegsfolgen nachweisen können). Personen, die
zwischen 1946 und dem 1.4. 1956 geboren sind, werden
mit einer Pauschale von viertausend Mark entschädigt.
Mit diesem Datum endete die Kommandanturaufsicht
in der Sowjetunion. Fur Assiedler war wieder Freizügigkeit
erlaubt.
Führerschein
Seit dem 7. April 1993 wird der Führerschein
bei Inhabern aus Nicht-EG-Ländern (Ausnahme:
Ungarn) nicht mehr anerkannt. Viele Aussiedler sind
Kraftsfahrer beziehungsweise Traktoristen von Beruf.
Sie fürchten, die theoretische Führerscheinprüfung
wegen mangelhafter sprachkenntnisse nicht zu bestehen
- trotz des Deutschkurses. So Iwan Maurer, 36, Kraftfahrer.
Ein Jahr hat er Zeit, um die Fahrprüfung zu
wiederholen, doch den theoretischen Teil, meint er,
schafft er bis dahin nie. Ausserdem hat er gesundheitliche
Probleme, war mehrmals im Krankenhaus. "Meine
Existenz", sagt Iwan, "ist kaputt."
Geschichte
Die deutschstämmige Zarin Katharina II lud
per Dekret vom 22.7. 1763 die ersten deutschen Familien
ins Land. Ackerland an der Wolga, zinslose Darlehen,
die Befreiung von der Steuerpflicht (auf zehn Jahre)
ud vom Militärdienst, Religionsfreiheit und
Selbstverwaltung wurden ihnen versprochen. Am 19.
10. 1918 erklärte Lenin die deutsche Kolonie
an der Wolga zum autonomen Gebiet und nahm damit
einen noch vor der Revolution von 1917 getroffenen
Beschluss zu ihreer Autflösung zurück.
Die Jahre 1941 bis 1943 waren das Ende der bisher
aautonomen Deutschen an drr Wolga: Vertreibung, Zwangsarbeit,
Verfolgung - die Reaktion Stalins auf den Angriff
Hitlers gegen die Sowjetunion. Als späte Aantwort
auf das Schicksal der von deutschen Brhörden
so genannten "Erlebnisgeneration", die
langsam ausstirbt, gründete Heinrich Roth im
März 1989 die Bewegung "Wiedergeburt." Ein
Kongress zur Wiedereinrichtung der Wolgarepublik
wurde von ihm 1991 in der alten Republikhauptstadt
Engels (heute Pokrowik) einberufen.
Anfanag der neunziger Jahre schien die Idee von
der Neuerrichtung einer wolgarepublik ein Phantom
zu sein, das, auch von Boris Jelsin als Projekt forciert,
durch die deutsche Presse geisterte. Aber: Nichts
ist und nichts wird geschehen. Neues Unrecht, so
die Warnungen, würde entstehen. Und die meisten
Russlanddeutschen wollen auch nicht in die Ukraine
(von Leonid Krwtschuk eingeladen) oder nach St. Petersburg
(von Bürgermeister Sobtschak dazu aufgefordert)
oder nach Kaliningrad, dem früheren Königsberg,
sondern gleich nach Deutschland. Nur nach Deutschland.
Bei einem Besuch von Aussenminister Klaus Kinkel
in Moskau Anfang Oktober 1992 wurde das Projekt Wolgarepublik
jedoch erneut forciert. "Bitte handeln Sie schnell",
so Kindel zu seinem Amtskollegen Kosyrew. Nach Kindel
könne einezukünftige Lösung der Problematik
der noch etwa zwei Millionen Russlanddeutschen in
der GUS nur darin bestehen, auf deutscher und auf
russischer Seite alles zu tun, um sie "im Lande
zu behalten". Das Tempo der gegenwärtigen
politischen Ereignisse in Moskau scheint des Projekt
Wolgarepbulik allerdings wiederin weite ferne zu
rücken.
Heimat
Wie soll man das Präteritum im Sprachkurs ereklären?
Man schreibt an die Tafel: In meiner heimat hatte
ich ein Haus und verstand die Sprache. IN Deutschland
habe ich ein Hotelzimmer und verstehe nichts. Vergangenheit
- Gegenwart. Das Präteritum bezeichnet in der
Grammatik einen abgeschlossen Vorgang. Heimat ist
das, was vorbei ist.
Identität
"Sind wir richtige Deutsche? In Russland waren
wir die Faschisten, hier sind wir die Russen. Meine
Grossmutter sagt, wir Aussiedler wissen nicht, was
wir sind." Elena Enns aus Kasachstan, 22, schwanger,
verheiratet, abgebrochene Ausbildung als Bauzeichnerin.
Ihr Ehemann ist noch in der GUS.
"Ich bin deutscher, aber ich spreche schlecht.
Darum ich bin hier kein Deutscher. Ich muss beweisen,
dass ich Deutscher bin." Vikor Rack, Kasachstan,
Landarbeiter in einer wanderkolonne.
"Ich habe keine bestimmte Erwartungen, und
ich weiss nicht, was man von mir erwartet. Meine
wichtigsten Probleme liegen beim Ausdruck. Im Deutschen
habe ich nicht mehr die Freiheit, die ich im Rumämoscjem
gehabt habe. Ich fühle mich oft unsicher, wenn
ich versuche, mich deutlich auszudrückken. Ich
will nicht behaupten, dass ich weiss, wie man diese
Schwiergkeiten am besten überwinden könnte.
Ich versuche, Märchen aus den Rumänischen
zu übersetzen, und es bereitet mir grosse schwierigkeiten,
die richtige Worte zu finden, um den Sinn zu wiederergeben
... Schwierig wird es auch, wenn ich meine Gedanken
schriftlich formulieren muss ... Vorläufig ist
alles noch shr ungeölt. Was muss ich tun, um
Ihre und meine Erwartungen zu erfüllen?" Aus
einem Brief von Horst Bignion, 1986 sprachschülen
am Bayernkolleg. Bignion ging 1990 nach Rumänien
zurück.
Jugend
Jugendliche Aussiedler mit Abitur können sich
bei der Otto-beneche-Stiftung in Bonn um ein Stipendium
bewerben. Bedingung für die Förderung aber
is, dass ein berufsqualifizierender Abschluss hier
nicht oder nur zum Teil anerkannt oder nur nach einem
Ergänzungsstudium verwertbar wird.
Otto-Benecke-Stipendiaten können beispielsweise
am Bayernkolleg Augsburg in zwei- oder einjährigen
Kursen, sogenannten S Klassen, das deutsche Abitur
nachholen. In dieser zeit wohnen sie in einem angegliederten
Schülerheim. Deutsche aus Rumänien, die
in ihrer Heimat deutsche Schulen besuchen
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